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Die schönste Frucht

Die schönste Frucht. Willi war seit zwanzig Jahren in der Obst- und Gemüseabteilung, und er musste nur sehen, wie einer einen Pfirsich anfasste, dann konnte er dir sagen, wie dieser Mensch tickte. Manche nahmen ihn mit der ganzen Hand, als wäre er ein Tennisball. Manche rochen erst daran und machten dabei ein Gesicht wie in der Kirche. Manche drehten ihn um und suchten die Druckstelle. Die misstrauen allem, tun aber keiner Fliege was. Und dann war da noch eine Frau, die kam immer dienstags und redete mit den Birnen. Die hatte er zum Fressen gern.

Willi war ein Magikito und wohnte in der Ananaskiste, weil er sich da gut verstecken und seine spitzen Öhrchen verbergen konnte. In der Tasche hatte er immer einen Handfeger, denn das war eigentlich sein Beruf: fegen. Ganz unten in den Obstkisten bleibt immer ein bisschen Staub liegen, Sägemehl, Erde, zerbröselte trockene Blättchen, ein Krümelchen von all dem, was unterwegs schlecht geworden ist. Willi fegte das jede Nacht aus, bis alles blitzblank war.

An einem Donnerstagmorgen kam ein Herr in die Abteilung, ein Gesicht wie ein Käse. Die eine Hand am Einkaufswagen, mit der anderen bohrte er sich einen Popel aus der Nase. Er fing an bei den Avocados, nahm sie eine nach der anderen in die Hand und drückte mit dem Daumen zu, richtig fest, als würde er ihnen den Puls fühlen. Acht Avocados, achtmal eine Delle und achtmal zurück in die Kiste. Weiter mit den Nektarinen. Bei einer bohrte er den Fingernagel rein, um zu sehen, ob Saft rauskam. Bei den Tomaten wurde es schlimmer. Er drückte, bis eine aufplatzte und ihm ein Spritzer auf den Ärmel schoss, und ließ sie einfach liegen, aufgeplatzt und umgedreht, den Riss nach unten, damit sie ein anderer abbekäme. Dann leckte er sich den Finger ab.

Und dann kam Frau Gertrud mit ihrem Einkaufswagen. „Hören Sie mal, so drückt man kein Obst und schon gar nicht mit dreckigen Händen.“ „Wenn ich nicht drücke, weiß ich doch nicht, ob es was taugt.“ „Dann schauen Sie hin.“ „Ah ja, hinschauen. Und wie es schmeckt, errate ich dann am Aussehen?“ Ihm fiel eine Birne runter. Sie hüpfte, rollte los und blieb unter der Auslage mit den Auberginen liegen. Der Herr bückte sich, holte sie heraus, rieb sie am Ärmel ab und legte sie zurück auf den Haufen, ganz oben drauf. Timo, der Junge, der immer die Kisten auffüllte, konnte sich nicht zurückhalten. „Entschuldigen Sie, das Schild hängt nicht ohne Grund da: nicht anfassen.“ „Und ich habe eine Hypothek. Jeder kümmert sich um seinen eigenen Kram, du Hohlkopf.“ Danach sagte keiner mehr was, weil mit so einem einfach nichts zu machen ist.

Zum Schluss kam die Apfelpyramide dran. Die baute er komplett ab, Schicht für Schicht, immer auf der Suche nach den ganz unten, und die von oben rollten immer den Gang hinunter. Er hob keinen einzigen auf. Am Ende nahm er das Beste aus jeder Kiste mit: die Melone, die Willi seit Montag im Auge hatte, die genau, ganz genau auf den Punkt reif war. Die vier Pfirsiche aus der hinteren Reihe, die noch keiner angefasst hatte. Die Erdbeeren aus der untersten Schale. Und eine Mango, die glänzte und die ohne jede Diskussion die schönste Frucht im ganzen Supermarkt war. Perfekt. Kein Kratzer. Wie aus der Werbung. Willi kletterte stinksauer von der Auslage herunter. Er sagte nichts, sprang einfach in den Einkaufswagen des Herrn und blieb ein Weilchen da drin. Er hatte etwas vor. „Guten Appetit“, sagte er mit einem frechen Grinsen, bevor er aus dem Wagen kletterte.

Um halb eins war der Herr zu Hause. Er stellte die Tüte auf den Küchentisch und fing an auszupacken. Zuerst die Melone. Er packte sie an beiden Seiten, und beide Seiten gaben nach, weich und matschig, so wie sich eine gute Melone nie anfühlt. Er legte sie auf den Tisch und da saß sie dann, breit und platt, wie ein treues Hündchen, das auf seinen Herrn wartet. Die Pfirsiche waren grau. Nicht überreif, grau. Und überall so ein Pelz drauf. Er schnitt eine Avocado auf und was da drin war, sah aus wie ein ganz altes Foto. Dann nahm er die perfekte Mango, die aus der Werbung, und packte richtig zu, um sie sich genauer anzuschauen. Oder er versuchte es. Denn die Mango gab nach wie ein nasser Schwamm, und aus dem Loch, das sein Daumen gemacht hatte, streckte ein Wurm den Kopf heraus und sah ihn an. Ohne das kleinste bisschen Scham. Drei Sekunden. Dann beschloss er, dass ihn das alles nicht interessierte und zog den Kopf wieder ein. Die Erdbeeren waren zu einer kleinen Pfütze geworden, ohne dass er überhaupt eine angefasst hatte. Und die ganze Küche roch wie der Boden einer Mülltonne im August.

Der Herr griff zum Telefon und rief den Supermarkt an, elf Minuten lang. Er wollte den Marktleiter sprechen, dann den Chef vom Marktleiter, und er sagte viermal das Wort inakzeptabel. Und während er redete, machte das Zeug auf dem Tisch munter weiter. Die Melone verlor ratzfatz ihre Form, jetzt sah sie aus wie ein Werk der abstrakten Kunst. Die Pfirsiche gingen ineinander über. Der Wurm kam noch einmal heraus, verschaffte sich einen Überblick und spazierte in aller Ruhe zur Obstschale mit den Mandarinen. Dem Herrn blieb der Mund offen stehen, als am Telefon auf einmal eine andere Stimme kam. Eine klitzekleine, lustige Stimme. „Nächstes Mal behandelst du die Obstabteilung mit Respekt und pass ein bisschen besser auf, du Schlaumeier, du Ganzschlauer. Tschüss!“

Am Donnerstag danach kam der Herr wieder in den Supermarkt. Und das musste man erlebt haben, denn das ist eines der schönsten Dinge, die man in dieser Abteilung je gesehen hat. Er nimmt das Obst jetzt mit Samthandschuhen und zwei Fingerchen, von oben, ohne zu drücken, als würde er eine Bombe entschärfen. Und alle fünf Minuten hebt er den Kopf und schaut sich um, ob ihm gerade jemand zusieht. Nicht, dass er gelernt hätte, wie man mit Obst umgeht, ihm ist einfach eine Angst in die Knochen gefahren, die er sein Leben lang nicht mehr loswird. Willi beobachtet ihn aus seiner Nische. Hoch erfreut. Und Frau Gertrud redet weiter mit den Birnen, als wären sie alte Freundinnen. Und jetzt weißt du etwas, was du vorher nicht wusstest. In der Obstabteilung von deinem Supermarkt sitzt auch einer. In jeder sitzt einer. In jeder hat immer schon einer gesessen. Und er schaut dir immer zu.

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