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Der Junge, der beim Suchen half

Der Junge, der beim Suchen half. Der Hausmeister dieser Schule trieb die verrücktesten Sachen, wenn es dunkel wurde. Immer nach dem Abschließen, immer kurz bevor er ins Bett ging. Mal tanzte er mit dem Wischmopp, mal kochte er sich was im Büro vom Direktor. Niemand wusste davon. Naja, einer schon.

In der Kiste mit den Fundsachen wohnte ein Magikito namens Konrad, zwischen verwaisten Schals und Brotdosen, die kein Schwein je abholte. Er hatte einen ansehnlichen Bauch vom vielen Sitzen. Und ein Hobby, das schon fast eine Sucht war. Er filmte für sein Leben gern Menschen. Die Kamera hatte er im Müll gefunden, eine ganz kleine. Und was dabei herauskam, speicherte er auf USB-Sticks, wie sie die Leute verlieren und nie wieder suchen. Seine Sammlung konnte sich sehen lassen. Die Bio-Lehrerin, die sich im Auto einen ganzen Donut reinzog. Die besten Basketballspiele aus der großen Pause. Der Mathelehrer, der für sechsmal vier den Taschenrechner rausholte. Und vor allem die lustigen Sachen, die der Hausmeister machte, wenn keiner da war. Gute Sachen. Er filmte nur gute Sachen. Wozu auch die anderen? Bis zu diesem einen Schuljahr. Bis dieser kleine Langfinger auftauchte.

Angefangen hatte es mit einem Spitzer, der wie ein Hamburger aussah. Dann ein Radiergummi, der nach Erdbeere roch. Danach Tobias' Sammelalbum. Das Ganze. Und eines Tages die Kinokarten, die Lina zum Geburtstag von ihrer Oma bekommen hatte. Sie lagen in einem Umschlag, ihr Name in Filzstift darauf: „Vier Karten, damit du sie mit deinen besten Freunden teilen kannst.“ Lina weinte auf dem Klo, damit es keiner sah. Und der erste, der sich bückte und mitsuchte, war immer Jonas.

Jonas kroch unter die Tische, griff hinter die Heizung, kippte den Papierkorb auf den Boden und räumte alles wieder hinein. Er klopfte den Leuten auf die Schulter und sagte, vielleicht wäre es ihnen ja unterwegs aus der Tasche gefallen.

Konrad erwischte ihn aus Versehen und auf die blödeste Art überhaupt. Er filmte gerade Emma. Die lehnte am Fenster und war im Stehen eingeschlafen. Und hinten im Bild, klitzeklein und unscharf, fuhr eine Hand in einen fremden Rucksack. Er spulte zurück, sah es sich noch einmal an. Und noch einmal. Dass ein Kind sich nimmt, was ihm nicht gehört, naja, das kommt schon mal vor. Konrad schaute den Menschen seit Jahrhunderten zu, das hatte er tausendmal gesehen. Was ihn zur Weißglut brachte, war das andere. Dieses Mitsuchen, das nur Theater war. Das Schulterklopfen. Er krempelte die Ärmel hoch.

Drei Wochen lang ließ er die Kamera laufen. Er filmte die Hand in Tobias' Rucksack. Er filmte, wie Jonas den Gang hinunterschaute, erst in die eine Richtung, dann in die andere, wie einer, der über die Straße will. Er filmte die Keksdose in seinem Schließfach. Den Umschlag vom Geburtstag, ungeöffnet. Und er filmte das Schulterklopfen, jedes einzelne Mal. Dann kam der Meisterstreich seines Lebens.

Am nächsten Tag stand das Vulkanprojekt an, und Jonas hatte seine Präsentation auf dem USB-Stick in seinem Schließfach. Konrad schnitt die ganze Nacht alle Clips, einen nach dem anderen. Dann spielte er das Ganze auf Jonas' Stick, löschte die Präsentation und gab seinem Video genau denselben Namen: „Aktive Vulkane der Erde“.

Jonas ging seelenruhig nach vorne, steckte seinen Stick in den Computer, baute sich vor der ganzen Klasse auf und drückte auf Play. Und was da gestochen scharf an der Wand erschien, war kein Vulkan, nicht im Entferntesten. Es war seine eigene Hand, die in Tobias' Rucksack fuhr. Keiner sagte etwas, nicht mal ein Kichern. 24 Kinder mucksmäuschenstill, und so eine Stille hört man in einer Schule nie. Das zweite Video kam und das dritte. Jonas wurde rot wie eine Tomate. Die Lehrerin rannte zum Projektor, aber da waren sie schon bei der Keksdose. Und dann fing er an zu weinen. Vor allen anderen.

Die Tage danach waren die schlimmsten seines Lebens. Und nicht, weil ihn einer angeschrien hätte. Keiner schrie ihn an. Keiner sagte ein Wort zu ihm. Und das ist viel schlimmer. Sie ließen ihm Platz in der Reihe und schauten weg. Er aß allein in einer Mensa voller Leute. Bis Lina sich am Donnerstag mit ihrem Tablett neben ihn setzte. Sie sagte nichts Schönes. Kein großes Wort vom Verzeihen und eine Rede hielt sie auch nicht. Sie schob ihren Pudding über den Tisch, bis er direkt vor ihm stand, und sagte: „Hier, ich mag den sowieso nicht“ und fing an zu essen.

Am nächsten Tag setzten sich schon zwei dazu, am Tag darauf der ganze Tisch.

Jonas kam an einem Montag als Erster in die Schule, die Keksdose unter dem Arm, und legte jede Sache auf den richtigen Tisch. Den Spitzer, den Radiergummi, die Sammelbilder, den Umschlag mit dem Namen in Filzstift, ungeöffnet. Er sagte keinen Pieps, und keiner verlangte ein Wort von ihm. Seitdem kümmert er sich um die Kiste mit den Fundsachen. Er weiß ganz genau, wem welcher Schal gehört. Er kriecht unter die Tische, greift hinter die Heizung, kippt den Papierkorb auf den Boden und räumt alles wieder hinein. Nur, dass er jetzt, wenn er beim Suchen hilft, auch findet.

Konrad löschte das Video mit den Diebstählen und machte sich keinen Kopf. Aber die Sache mit den Präsentationen gefiel ihm so gut, dass er jetzt ab und zu seine Lieblingsclips in die Vorträge der Schüler schmuggelt. Man sagt, der Hausmeister ist seitdem berühmt für seine urkomischen Auftritte. Und alle glauben, er war es, der an dem Tag für Gerechtigkeit gesorgt hat.

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