Der Anzug ohne Nähte
Erzählt von Firefly
Emil hatte den einzigen, völlig glatten Anzug im ganzen Wald. Keine einzige Naht. Makelloses Apfelgrün. Perfekt und frisch gebügelt. Die anderen Magikitos sahen aus, als hätten sie einen Mix aus Stoffwitzen angezogen, und waren dabei glücklich und zufrieden. Flicken an Flicken, Flicken über Flicken, Formen ohne Sinn und Verstand und die verrücktesten Farbkombinationen. Emil nicht. Emil sah immer aus wie aus dem Ei gepellt. Und er hütete diesen Anzug wie einen Schatz. Wenn die Bande die Matschrutsche hinuntersauste – platsch, platsch, platsch –, schaute er von oben zu. Wenn eine Brombeerschlacht losbrach, versteckte er sich hinter einem Pilz. Wenn die Kiefern Harztropfen ließen, streckte er nicht einmal die Mütze raus. „Emil, komm runter!“ „Komme gleich!“ Und er kam nie runter.
Eines Morgens ging er sich wie immer in der Pfütze anschauen, und irgendetwas stimmte nicht. Sauber war er, das schon. Kein Fleck, kein Löchlein. Aber das Grün war kein Apfelgrün mehr. Es war ein mattes Grün, ohne Leben. Er wusch ihn mit Holunderrindenseife. Er hängte ihn zwei ganze Tage in die Sonne. Er rieb ihn mit frischer Minze ab. Nichts. Jeden Morgen ein bisschen grauer.
Also marschierte er zum Haus von Alfons, dem Magikito im Wald, der unter der dicken Wurzel des Kastanienbaums wohnte. Alfons war im Grunde ein wandelnder Flickenhaufen. Er trug so viele Flicken am Leib, dass sich niemand mehr erinnerte, welche Farbe sein Anzug einmal gehabt hatte. Und genau das war das Rätsel, denn trotzdem war er der Magikito mit den leuchtendsten Farben im ganzen Wald. Emil fand ihn vor seiner Tür, wie er mit geschlossenen Augen in der Sonne saß und eine fröhliche Melodie summte. „Du bist doch der mit dem perfekten Anzug“, sagte er, ohne aufzuschauen. „Weich mal“, sagte Emil und zeigte ihm das Grau. Alfons öffnete die Augen und musterte ihn in aller Seelenruhe von oben bis unten. „Wie viele Flicken trägst du?“ „Keinen, er ist noch ganz.“ „Na, da hast du es doch.“ Hatte er aber nicht. Emil verstand gar nichts.
Alfons machte ihm ein Plätzchen auf dem Bänkchen frei und fing an, ihm seinen Anzug zu zeigen, Flicken für Flicken, wie man jemandem sein Haus zeigt. „Siehst du diesen gelben? Das ist ein Stück, das von Lottes Hose abgerissen ist. Lotte lacht so laut, dass sie die Eulen verscheucht. Und dieser Gepunktete hier, der ist von Nepomuks Unterhose. Nepomuk hat mich an den Haaren aus dem Fluss gezogen, weil Schwimmen nicht so mein Ding ist.“ „Und dieses orangefarbene Dreieckchen hier“, er berührte es mit zwei seiner dicken Fingerchen, „das ist von einer Socke, die ich unterm Schrank gefunden habe. Der älteste von allen. Aber er wärmt wie Sau.“ Emil schaute genau hin. Zwischen den Flicken war fast nichts mehr vom ursprünglichen Stoff übrig. Nur ein weinrotes Stückchen an der Schulter, klein wie ein Fingernagel. „Und dein Stoff? So richtig deiner?“ „Hier ist noch ein bisschen.“ „Und der Rest?“ „Na ja, die Stücke, die abgerissen sind, habe ich immer dem geschenkt, der gerade bei mir war.“ Und er verriet ihm das Geheimnis. Damit ein Anzug lebendig wird, muss man ihn mit Leben füllen. So einfach ist das. Wenn du Spaß hast, ohne nachzudenken, wirst du sehen, die Stücke fallen von ganz allein ab. Wenn dir das passiert, gibst du dem Erstbesten ein Stückchen Stoff. Ritsch, ratsch. Er gibt dir eins von seinem. Dein Flicken deckt sein Loch zu. Seiner deckt deins zu. „Ich habe ein Loch für jeden Freund“, sagte Alfons, „und auf jedem Loch einen Freund. Deshalb ist mir nie kalt.“
Emil schaute an seinem eigenen glatten, perfekten Anzug hinunter. Und auf einmal sah er ihn als das, was er war: ein einsamer Anzug, ohne Leben. Er fing an zu weinen. Alfons schaute ihn zärtlich an. Der Kleine hatte die Botschaft verstanden. Er griff sich an die Schulter, riss mit einem Ruck das letzte weinrote Stück ab, das ihm noch geblieben war, und drückte es dem Jungen in die Hand. „Aber, aber das ist doch das letzte, was du hast“, schluchzte Emil. „Dann ist es ja gut, dass du gekommen bist, bevor es aufgebraucht war“, sagte Alfons mit einem Lächeln und nähte es ihm mit einem beherzten Klaps auf die Brust.
Am nächsten Morgen war rund um das Weinrot das Grün zurück, grüner als je zuvor. Emil schoss los zur Matschrutsche. „Macht mir Platz“, rief er und stürzte sich kopfüber hinunter. Platsch! Sogar die Frösche klatschten. An diesem Abend kam er nach Hause und sah aus wie eine einzige Katastrophe. Matsch bis in die Ohren, ein Quadrätchen weniger am Ärmel, noch eins weniger am Knie und auf jedem Loch ein neuer Flicken. Er legte sich schlafen und konnte es kaum erwarten, wieder aufzustehen und seinen Anzug mit neuen Abenteuern zu zerlegen.