Matteo, der Hüter der Tasche
Erzählt von Elisabeth Schork
Matteo, der Hüter der Tasche. Es gab eine Zeit, da lebten die Wichtel nicht tief in den Wäldern und auch nicht unter den Wurzeln alter Bäume. Sie lebten viel näher bei uns. Sie lebten in den Taschen der Menschen. Natürlich nicht in irgendeiner Tasche, sondern nur in den Taschen alter Jacken, in denen, die wir an der Garderobe vergessen, wenn die Jahreszeit wechselt.
In einem Häuschen mit rotem Ziegeldach lebte Matteo, ein winziger Magikito mit einem grünen Filzhut und großen, braunen Lederschuhen. Wenn er lief, klangen seine Schrittchen wie Regentropfen auf dem Dach. Matteo wohnte in der Innentasche des Wintermantels von Oma Elena. Es war ein perfektes Zuhause. Warm, weich und mit einem zarten Duft nach Lavendel und Pfefferminzbonbons.
Die Aufgabe der Taschen-Magikitos war sehr wichtig. Sie kümmerten sich darum, die kleinen Dinge aufzubewahren, die die Menschen verloren, ohne es zu merken. Wenn Oma Elena ein Perlmuttknopf herunterfiel, zog Matteo an einem unsichtbaren Faden. Der Knopf rollte und zack – direkt in die Tasche. Wenn sie ein Rezept verlor, das auf irgendeinem Zettelchen notiert war, flog Matteo hinaus und fing es, bevor der Wind es davontragen konnte, und versteckte es gut unten in der Tasche. Wenn Oma Elena zu Winterbeginn die Hand in ihren Mantel steckte und sagte: „Na sowas, schau, was ich gefunden habe. Ich dachte, ich hätte den Knopf verloren. Was für ein Glück ich habe.“ Dann lächelte Matteo unten in der Tasche still vor sich hin und rückte sich sein Hütchen zurecht, stolz auf seine Arbeit.
Doch eines Tages geschah etwas Unerwartetes. Elena beschloss, den alten Mantel ihrer Enkelin zu schenken, einem Mädchen namens Sophia. Matteo spürte das Beben. Der Mantel wurde zusammengelegt, in eine Schachtel gepackt und reiste in ein neues Zuhause. Als Sophia den Mantel auseinanderfaltete und anprobierte, war er ihr viel zu groß. Die Ärmel verdeckten ihre Hände und der Saum reichte ihr bis zu den Knöcheln. Matteo hatte große Angst. Magikitos sind als Elementarwesen Gewohnheitstiere, und kleine Kinder sind auf eine andere Art laut und vergesslich. Noch am selben Nachmittag ging Sophia in den Park zum Spielen. Die Herbstluft war kalt und das Mädchen hielt die Hände tief in den großen Taschen des Mantels ihrer Großmutter vergraben. Als sie einen Weg voller trockener Blätter ging, sah sie etwas im Gras glitzern. Es war ein kleiner Flusskiesel, vollkommen rund und glatt, mit einer goldenen Ader quer durch die Mitte. Wie schön! Sophia hob den Stein auf und steckte ihn in die Innentasche. Matteo musste zur Seite springen, damit der Stein nicht auf ihn fiel. Neugierig untersuchte er ihn. Es war kein nützlicher Knopf, keine Münze und kein wichtiges Papier. Es war nur ein hübscher Stein.
Am nächsten Tag steckte Sophia eine blaue Feder in die Tasche. Am Tag darauf ein Stück vom Meer geschliffenes Glas. Matteo verstand die Welt nicht mehr. Wo waren die verlorenen Schlüssel? Wo waren die gefalteten Geldscheine? Das Mädchen sammelte nur Schätze, die zu nichts zu gebrauchen waren. Oder glaubte er das nur? An einem Regennachmittag setzte sich Sophia ans Fenster. Sie war traurig, weil ihr großer Bruder nicht mit ihr spielen wollte. Langsam griff sie in die Innentasche und holte den glatten Stein mit der goldenen Ader heraus. Sie rieb ihn mit dem Daumen. Dann nahm sie die blaue Feder und strich sanft damit über ihre Wange. Matteo beobachtete sie aus dem Schatten der Taschennaht. Und ihm wurde noch etwas klar. Das Mädchen bewahrte keine Gegenstände auf, damit sie nicht verloren gingen. Es bewahrte Momente auf. Es bewahrte die Freude, den Stein gefunden zu haben. Die blaue Feder. Die Ruhe des Nachmittags im Park. Da verstand der kleine Magikito, was seine neue Mission war.
Es reichte nicht mehr, heruntergefallene Dinge aufzubewahren. Matteo hatte jetzt eine andere Aufgabe. Wenn Sophia ein rotes Herbstblatt aufbewahrte, blies Matteo Zauberstaub darüber, damit es niemals vertrocknete. Wenn sie eine Muschel hineinsteckte, putzte Matteo sie heimlich, damit Sophia, wenn sie sie ans Ohr hielt, das Meer besser hören konnte als jeder andere. Die Jahre vergingen und Sophia wurde groß. Der Mantel passte ihr irgendwann perfekt. Dann wurde er ein wenig eng und schließlich zog sie ihn nicht mehr an, aber sie verschenkte ihn nie. Sie ließ ihn in ihrem Schrank hängen. Man sagt, wenn du heute zu diesem Schrank gehst, die Tür langsam öffnest und die Hand in die Tasche des alten Mantels steckst, wirst du merken, dass sie unerklärlich warm ist. Und wenn du ganz genau hinhörst und das Zimmer vollkommen still ist, hörst du vielleicht Klick, Klack, Klick, Klack, Klick, Klack. Das sind Matteos Schrittchen, während er den letzten Schatz hütet, den du aufbewahrt hast, als du noch an Magie geglaubt hast.
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