Das decke ich selber auf
Gustav saß auf der unteren Etage des Dessertwagens und schob einen Löffel Milchreis auf der Zunge hin und her. Ausgezeichnet! Und davon verstand er was, denn er hatte sein ganzes Leben damit zugebracht, sich in die besten Küchen der Welt zu schleichen. Er kam an irgendeinem Tag an, blieb so lange, wie es eben dauerte, bis er dem Laden das eine Rezept abgeguckt hatte, das sie dort richtig gut machten. Und kaum wusste er es, packte er seine Sachen und suchte sich das nächste. 64 Gourmet-Rezepte hatte er dieses Jahr schon zusammen. Und langweilig wurde ihm dabei nicht ein Krümelchen. Er steckte seine Nase in alles und in jeden. Ein Kind, das den Pudding von seinem Vater aufaß, während der zum hundertsten Mal die gleiche Geschichte erzählte. Das Prinzesschen, das keine Tomaten in seinem Tomatensalat wollte. Das Paar, das sich um das letzte Stück von einer Torte stritt, die sie zum Teilen bestellt hatten. Für Gustav war das hundertmal besser als Kino.
An jenem Donnerstag saßen an einem eleganten runden Tisch fünf Herren in Anzügen. Einer redete viel lauter als die anderen. Sein Handy lag auf dem Tisch, das Display nach oben zu den anderen hingedreht, damit man es auch schön deutlich sah. „Schaut mal her!“ Die anderen vier beugten sich vor. „Das da hat mein Portfolio diese Woche gemacht, in fünf Tagen.“ „Mensch, das ist ja, das ist wirklich gut.“ „Ich muss überhaupt nicht mehr arbeiten, wenn ich nicht will. Das arbeitet für mich. Und zwar, während ihr schlaft. Hm? Ich mache Kohle, während ihr schlaft. Hahaha.“
Er hob den Arm, um zu rufen, und die riesige Uhr, die er über der Manschette trug, tanzte ihm am Handgelenk. „Schätzchen, diesen Salat will ich ohne Essig.“ Anja, die donnerstags den ganzen Saal allein bediente, nahm den Salat mit und kam mit einem anderen zurück. „Schätzchen, doch besser mit Essig, aber ganz wenig.“ Sie trug ihn wieder weg. Sie kam wieder zurück. Sechsmal hob er in zwanzig Minuten den Arm. „Bitte haben Sie Verständnis, ich habe noch andere Gäste, mein Herr.“ „Damit wir uns richtig verstehen: Ich zahle und du bringst. Ist das klar?“ Das Steak kam. Er schaute es drei Sekunden an und schob es mit der Handkante weg. „Zu blutig.“ „Sie haben es blutig bestellt, mein Herr.“ „Und jetzt will ich es anders. Siehst du, wie einfach das ist?“ Während die Kellnerin hin und her lief, prahlte er mit der Macht des Geldes. „Wenn du Kohle hast, kannst du machen, was du willst, und alles andere geht dir am Arsch vorbei“, sagte er zu seinen Begleitern. Als das Steak wiederkam, schob er den Teller über die Tischdecke zu ihr hin. „Schneid du mir das, heute bin ich müde.“ Anja blieb stehen, den Teller in den Händen. „Siehst du, heute bist du meine Sklavin, und morgen sehen wir weiter.“ Und er lachte ein paar Sekunden ganz allein. Dann lachten die anderen mit, weil man da eben mitlacht. Anja schnitt ihm das Fleisch.
Zum Nachtisch bestellte er nichts von der Karte. „Das Schokoladenmousse, aber ohne Zucker, ohne Laktose und mit einem Töpfchen Salz extra dazu. Und du bringst es mir zugedeckt.“ „Zugedeckt, mein Herr?“ „Ja, mit dieser Metallglocke da. Hier atmen viel zu viele Leute herum und mir atmet keiner über den Teller. Und du deckst das nicht auf, das decke ich selber auf.“ In der Küche setzten sie dem Teller die Glocke auf und stellten ihn an die Durchreiche, fertig zum Servieren. Gustav kam stinksauer aus seinem Versteck. Er schlich sich in die Küche, hob den Rand der Glocke an und stieg hinein, direkt neben die Schokolade, die übrigens ganz wunderbar duftete. Die Reise machte er auf Anjas Tablett, ganz gemütlich, wie einer, der Aufzug fährt. Der Teller landete auf dem runden Tisch. „Das decke ich selber auf, Schätzchen.“
Er hob die Glocke hoch, ohne auf den Teller zu schauen, weil er gerade wieder von seinen Investments erzählte und die vier ihn dabei anschauen mussten. Keiner sah, dass unter der Glocke ein Magikito hervorschoss, schnell wie der Blitz. Gustav überquerte die Tischdecke mit drei großen Schritten, umarmte das Handy, das für ihn so groß war wie eine Tür, und sprang mit ihm über die Kante. Plumps! Unten auf dem Teppichboden rutschte er unter den Tisch und machte sich an die Arbeit. Oben ging das Theater los. „Mein Handy! Wo ist mein Handy? Es lag hier. Bedienung!“ „Vielleicht hast du es eingesteckt.“ „Wie soll ich es eingesteckt haben, wenn es direkt vor mir lag?“ Er durchsuchte jede einzelne Tasche von seinem Jackett und ließ die anderen ihre ausleeren, die Kellnerin eingeschlossen.
Was Gustav in diesen zwei Minuten machte, weiß kein Mensch. Als er es endlich fand, lag das Handy auf dem Boden, neben seinem Stuhl. „Hier ist es“, sagte einer von seinen Begleitern. Er griff wütend danach und legte es wieder auf den Tisch, direkt neben das Weinglas, diesmal mit dem Display nach unten und gesperrt. Sie redeten weiter darüber, wie viele Häuser jeder von ihnen hatte und über die Golfpartie am nächsten Tag. Um Viertel nach zehn kam die Rechnung. Er zog ein Kartenetui aus Aluminium heraus, klappte es mit einem Klick auf und fischte mit zwei Fingern eine Karte heraus. Er zog sie durch das Lesegerät. Abgelehnt. „Das Gerät da ist bestimmt kaputt.“ Er steckte sie noch einmal hinein. Abgelehnt. Er holte eine andere heraus, eine schwarze, und die hielt er erst in die Höhe, damit sie auch alle sahen, bevor er sie einsteckte. Abgelehnt. „Verdammt, was ist hier eigentlich los?“ Er nahm das Handy, öffnete die App von seiner Bank und blieb mit offenem Mund sitzen. 50 Cent, das war sein ganzes Guthaben. Wo vorher Millionen gestanden hatten, standen jetzt 50 lumpige Cent. Er wurde rot, knallrot. Einer von den Begleitern räusperte sich. „Alles in Ordnung, Kai-Uwe?“ Kai-Uwe machte keinen Mucks. Anja stand daneben und wartete, das Kartenlesegerät in der Hand. „Wann immer Sie möchten, mein Herr.“ Der Herr schwieg weiter und schaute auf das kleine Display von seinem Handy. Am Ende zahlten die Begleiter und alle gingen still hinaus.
In jener Nacht machte Anja Überstunden und half beim Putzen. Sie schloss weit nach Mitternacht ab und nahm den Bus nach Hause. In dem Moment kam eine Meldung auf ihr Handy. Sie zählte die Nullen dreimal und ihre Haltestelle verpasste sie. Bis zu diesem Abend hatte Anja kaum genug für die Miete zusammengekriegt. Von diesem Abend an hatte sie ein Konto mit mehr Nullen, als sie in ihrem ganzen Leben gesehen hatte. Ein paar Monate später machte sie ihr eigenes Restaurant auf. Zwölf Tische und sie bedient nur Leute, die ohne Jackett kommen und ihre Sachen fröhlich bestellen. Alle, die dahin gehen, sagen, dass man sagenhaft gut isst. So gut, dass Gustav seit dem ersten Tag nicht mehr von dort weggeht. Es ist der fröhlichste Ort, den er in seinem ganzen Leben gesehen hat.