Also gut. Wir müssen reden.
Jede Familie hat so einen Zweig, über den am Weihnachtstisch nicht allzu viel geredet wird. Die Cousins, die was völlig Unerwartetes gemacht haben, und jetzt tut jeder so, als würden sie in einer anderen Dimension wohnen.
Wir haben die auch. Sie heißen die lateinamerikanischen Duendes. Und sie haben sich für den Dschungel entschieden.
Während wir Wichtel damit beschäftigt waren, in euren Wohnungen die Schlüssel umzuverteilen und uns als Hüter der gemütlichen Wohnzimmer zu etablieren, hat ein anderer Zweig der Familie eine komplett andere Richtung eingeschlagen. Raus in den Regenwald. An die Flüsse. In die tiefe Wildnis.
Gleiche Familie. Völlig andere Lebensentscheidungen.
Wie kamen Wichtel nach Lateinamerika?
Mit den Schiffen. Nicht wir persönlich, aber das Konzept.
Als die Spanier im 15. Jahrhundert nach Amerika aufbrachen, nahmen sie ihre ganze Vorstellungswelt mit, darunter das Wort "duende". Wie wir in der Geschichte über den Ursprung des Wichtelnamens erklärt haben, trägt jede europäische Wichteltradition eine Etymologie, die verrät, was wir wirklich sind: Hüter des Hauses, Wesen der Schwelle.
Aber das Wort "duende" landete nicht in einem Vakuum. Es traf auf indigene Kulturen, die längst eigene Wesen für die Gefahren des Waldes hatten, für verirrte Kinder, für alles Unbekannte am Waldrand. Das spanische Wort und diese Traditionen verschmolzen. Was dabei herauskam, war eine neue Kreatur. Dasselbe Wort. Ein völlig anderer Kosmos. Ein echter Wildwuchs der faszinierendsten Sorte.
Und wie ist der lateinamerikanische Duende so?
Kein gemütlicher Wohnzimmergeist. Wirklich nicht.
Der lateinamerikanische Duende lebt im Wald, am Fluss, tief in der Wildnis. Klein, ja, aber nicht das herzige Klein, das ihr euch vorstellt. Klein mit einem riesigen Hut und einem Gesichtsausdruck, der andeutet, dass er euch etwas nachtrage, das ihr noch gar nicht getan habt.
Kolumbien, Peru, Ecuador, Venezuela: überall taucht der Duende am Wasser auf. Er ruft Kinder bei ihrem Namen vom Ufer aus. Er lockt jeden, der sich alleine von der Gruppe entfernt. Und dann verschwindet er mit ihnen in den Wald. Das ist keine schmückende Folklore, das ist ein über Generationen weitergegebenes Warnsystem: Geht nicht alleine nach Einbruch der Dunkelheit weg.
Es gibt auch die Musikerversion. Überall in Lateinamerika existieren Legenden über Musiker, die sich im Wald verlaufen und zurückkehren und plötzlich spielen, als hätten sie etwas Berührendes erfahren, das kein Konservatorium lehren kann. Der Duende als Lehrmeister der wilden Inspiration. Das verstehen wir. Den Kinderentführungs-Teil weniger.
Der entscheidende Unterschied zu uns: der lateinamerikanische Duende beschützt nicht. Er zieht hinaus. Er ist ein Wesen der Außenschwelle. Des Grenzpunkts zwischen dem, was ihr kennt, und dem, was niemand kartiert hat. Wir hüten das Drinnen. Sie hüten das Draußen.
Warum wirkt dasselbe Wesen in Europa und Amerika so grundverschieden?
Weil die Räume grundverschieden sind, und die Bedrohungen, die sie brauchen, auch.
Der europäische Wichtel ist im Inneren des Hauses entstanden, weil im mittelalterlichen Europa die echten Gefahren drinnen lauerten: der Winter, die Hungersnot, die Fieber. So wurden wir zu Hütern des Herdes. Die ganze Geschichte davon haben wir in der echten Geschichte der europäischen Hauswichtel aufgeschrieben.
Lateinamerika war anders. Der Wald war wirklich endlos. Die Flüsse wirklich tückisch. Die indigenen Kulturen hatten längst eigene Wesen für diese Außenräume entwickelt. Als das spanische Wort ankam, fand es diesen Guss und nahm diese Form an. Keine Kollision. Eine Verschmelzung. Mit, rückblickend, einer ziemlich eleganten Logik.
Der Chaneque: der Wichtel, der schon da war, bevor das Wort ankam
In Mexiko gibt es ein Wesen, das Jahrhunderte vor den Spaniern existierte und sich trotzdem nahtlos in die Duende-Kategorie einfügte: den Chaneque.
Der Chaneque stammt aus der Nahuatl-Kosmologie. Ein kleines Wesen, Hüter der Wildtiere, Bewohner von Flüssen und Wäldern. Wenn jemand sich im Wald schrecklich erschreckte und dann rätselhaft erkrankte, hieß die Diagnose: Der Chaneque hat ihm seinen Susto gestohlen, seinen Schreck. Die Seele hatte sich durch den Schock vom Körper getrennt und wanderte jetzt verloren umher, bis ein Curandero sie zurückbrachte.
Susto gilt in der mesoamerikanischen Volksmedizin als echte Erkrankung. Nicht metaphorisch. Diagnostiziert und von Spezialisten behandelt. Und der Chaneque ist die häufigste übernatürliche Ursache.
Als die Spanier mit ihrem "Duende" ankamen, erkannten die Nahuatl-Gemeinden dieselbe Figur unter einem anderen Namen. Die zwei Wörter begannen austauschbar genutzt zu werden, weil die folklorische Logik so präzise ist, wenn sie es will. Heute ist der Chaneque der mexikanische Duende und der mexikanische Duende ist der Chaneque. Der etymologische Kreis schließt sich auf eine Art, die uns mit einem Familienstolz erfüllt, den wir kaum beschreiben können.
Verstehen wir uns mit unseren Cousins?
Ehrlich gesagt sehen wir uns nicht oft. Wir wohnen in euren Wohnzimmern. Sie im Amazonas. Die Entfernung ist beachtlich.
Aber wir teilen etwas, das tiefer geht als Etymologie. Wir sind beide Schwellenwesen. Beide leben wir in der Lücke zwischen dem, was ihr seht, und dem, was ihr spürt, aber nicht zeigen könnt. Beide machen wir die Alltagswelt ein kleines bisschen unberechenbarer, als ihr dachtet.
Sie vom Waldrand. Wir von der Sockenschublade.
Gleiche Familie. Andere Aufgaben. Und das unterscheidet sich, ehrlich gesagt, kaum von einer typischen menschlichen Familie.