Löchrige Schuhe: da wohnt schon wer

Fulgencio führte seine frisch geflickten Stiefel aus, als bekäme er für jeden Schritt Geld. Er hatte sie selbst repariert. Sauberes Leder, neue Schnürsenkel und kein einziges Loch. Noch vor dem zweiten Farn hatte er viermal gefragt, ob wir sie schon gesehen hätten.

„Das sind Schuhe für einen Herrn. Bei euren kommt ja die Landschaft rein.“

Petronila streckte den großen Zeh durch die Stiefelspitze und winkte ihm damit zu. Wir krümmten uns vor Lachen. Fulgencio blickte sehr elegant zur Seite und trat in Schneckenkacke. Mit der Eleganz war es erst mal vorbei.

Zu kleine Schuhe sind was für Leidensfreudige

Nein, ihr Lieben, wir kaufen keine zu kleinen Schuhe, damit sie platzen. Wir bewegen unsere Zehen ganz gern. Drückt ein Stiefel, ändern wir ihn oder suchen einen anderen. Es gibt genug Dinge, die uns auf den Sack gehen. Da müssen wir nicht noch an jedem Fuß eins tragen.

Die Löcher kommen meistens vom Laufen, vom Springen über Wurzeln und vom Heimschlurfen nach einer Feier. Wir flicken, was geht. Verwenden Stoffreste, ersetzen Sohlen und machen Nähte, die länger halten als manche Versprechen. Doch ein Stiefel kann so lange leben, dass er den Wald irgendwann von innen und außen kennt.

Ein kleines Loch lassen wir manchmal, weil es uns Spaß macht. Bei mildem Wetter hält Petronila den Zeh raus, um Regen zu prüfen, ohne den Kopf unter dem Pilz hervorzustrecken. Ganz ausgereift ist die Erfindung nicht. Ein Schmetterling hielt den Zeh mal für eine Blume. Wir mussten ihm erklären, dass weiteres Probieren nichts bringt.

Kommen Kälte oder Wasser rein, wird geflickt. Nur weil wir albern sind, laufen wir nicht gern mit Suppe in der Socke herum. Und wenn ein Schuh nicht mehr zum Gehen taugt, vielleicht noch zum Wohnen. Wir reinigen ihn, lassen ihn trocknen und suchen einen geschützten Platz. Ein Mensch sieht einen alten Stiefel. Wir sehen ein Haus mit Schnürsenkeln.

Petronila hatte wochenlang so ein Haus vorbereitet. Eine Gardine aus einem Stoffrest, einen Fingerhut als Blumentopf neben dem Absatz. Sie dachte, es sei leer. An diesem Morgen erfuhren wir etwas anderes.

Der Stiefel hatte Besuch

Bonifacio kam durch das Loch vorne heraus, einen Löffel über der Schulter und offensichtlich bestens ausgeschlafen. Hinter ihm zwei Cousins. Einer trug ein Kissen, der andere eine Zwiebel. Wofür die Zwiebel war, wussten wir nicht. Wir wollten vorerst lieber glücklich bleiben.

„Wer hat euch erlaubt, da einzuziehen?“, fragte Petronila.

„War doch offen.“

Wir setzten uns aufs Moos. Das versprach Unterhaltung. Bonifacio zeigte uns die Küche im Fersenbereich und das Schlafzimmer unter der Zunge. Die Zwiebel war übrigens fürs Omelett. Petronila betrachtete ihre Gardine. Als sie die Pfanne roch, wurde sie schon etwas weniger wütend.

Bonifacio empfängt Besucher durch das Loch eines zum Haus umgebauten Stiefels mit Gardinen und einer kleinen Küche im Fersenbereich

Fulgencio kam näher und erklärte, das zeige, wie wichtig ordentlich geschlossene Schuhe seien. Er lehnte sich an eine Wurzel, verschränkte die Arme und setzte sein Rechthabergesicht auf. Dann stieg ein dünnes Rauchfähnchen aus einer Öse.

Er erstarrte. Wir auch. Aus seinem neuen Stiefel roch es nach Toast. Fulgencio löste langsam den Schnürsenkel. Unter der Zunge erschien Tante Eufrasia mit einer Brotscheibe in der Hand.

„Hör verdammt noch mal auf zu laufen. Du schmeißt mir das Frühstück um.“

Fulgencio zog den Stiefel aus. Sie beschwerte sich, weil er ihr das Dach angehoben hatte. Wir bekamen vor Lachen kaum noch Luft.

Er hatte jedes Loch geschlossen und den Eingang oben offen gelassen. Dafür hatte die Dame es verdammt schön warm.

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