Carmen, Liebes, für den Kaffeeduft um Mitternacht in deiner Küche gibt es eine Erklärung. Wir waren das. Bevor du die Steckdosen überprüfst, sagen wir's lieber gleich: Wir haben im Leben noch keine verdammte Stromrechnung bezahlt. Zum Kaffeekochen brauchen wir Feuer, einen Waschzuber und einen Stock. Für den Stock gibt's keine App. Haben wir nachgeschaut.
Kolumbianischer Arabica, wir haben schließlich Geschmack
Wir bauen unseren Kaffee selbst an. In einer Waldecke, die bei uns Klein-Kolumbien heißt. Da darf nicht jeder rein. Braulio wollte mal entkoffeinierten Kaffee pflanzen. Nicanor packte ihn an der Weste und begleitete ihn zum Ausgang. Ganz friedlich, aber maßlos enttäuscht.
Uns schmeckt nur schön süßlicher Arabica aus Kolumbien, der beim Rösten herrlich duftet. Die ersten Bohnen haben uns Verwandte von dort mitgebracht. Wir kümmern uns liebevoller um diese Pflanzen als du um die Geranie im Treppenhaus. Fermín singt ihnen jeden Morgen etwas vor. Sie wachsen von ihm weg, aber immerhin wachsen sie.
Wenn uns der Kaffee ausgeht, klauen wir welchen im Café. Was sollen wir machen, Carmen? Entweder auf Kaffee verzichten oder auf unseren ohnehin ziemlich ramponierten Ruf. Da nehmen wir lieber das Frühstück.
„Hier steht Mischung drauf“, flüsterte Braulio eines Nachts hinter der Theke.
„Dann lass sie liegen, verdammt. Wir wollen Kaffee klauen und nicht unsere Würde verlieren.“
Wir nahmen eine kleine Tüte vom guten Zeug mit und legten drei Haselnüsse neben die Kasse. Fermín spendierte eine vierte, weil er den Kellner sympathisch fand. Auf dem Heimweg drückten wir die Beute an uns, schnupperten abwechselnd daran und stritten darüber, wer am meisten geschleppt hatte. Die Tüte wog weniger als eine Scheibe Toast.
Rühr um, Mensch. Du sitzt nicht im Ruderboot.
Wir rösten die Bohnen, mahlen sie mit einer Handmühle und erhitzen das Wasser in einem riesigen Metallzuber auf der gemauerten Feuerstelle in unserer Küche. Dann heben wir den Zuber vom Feuer, geben den Kaffee hinein und rühren mit einem sauberen Stock um. Einem langen. Wer rührt, muss sich gut am Hocker festhalten.
Braulio legt sich so ins Zeug, dass er einmal zwei Tassen und Nicanors Frühstück abräumte. Nicanor sah ihn kommen und rettete erst den Toast, dann sich selbst. Er wusste schließlich, wie mühsam das mit der kalten Butter gewesen war.
„Langsam, du Irrer! Der Kaffee ist schon tot!“
Wir lassen ihn kurz ziehen. Dann kommt das Filtern. Die Kaffeekenner unter euch sollten sich dafür besser hinsetzen.
Wir nehmen Fermíns gute weiße Sonntagsunterhose. Frisch gewaschen, gründlich ausgespült und nur dafür reserviert. Wir sind freche Säcke, aber irgendwo ist Schluss. Wir spannen sie mit Wäscheklammern über eine Kanne und schöpfen den Kaffee hinein. Der Stoff hält den Kaffeesatz zurück. Das Gummiband schafft Vertrauen.
„Nicht die vom Montag, Kumpel. Die hat schon genug Eigenaroma.“

Ein Schuss, und wir quatschen noch ein bisschen
Ab und zu kommt ein Schuss selbst gemachter Whisky in unsere Tasse. Ein Schuss, Fermín. Neulich hast du mit dem Kaffee bloß deinen Whisky eingefärbt, du Sau. Wir setzen uns zusammen, teilen uns etwas zu essen und verbessern die Welt, bis wieder jemand Hunger bekommt.
Und ja, manchmal nehmen wir die Kanne nachts mit in deine Küche. Dort ist es warm, und wir leisten dir gern Gesellschaft, während du schläfst. Nach der Geschichte mit dem Korkenzieher räumen wir diesmal auf, bevor wir gehen.
Na ja. Fast alles.
Falls morgen eine winzige Unterhose auf deinem Abtropfgestell trocknet, guck bitte nicht so entsetzt.
„Carmen, steck die nicht in die Schublade. Wir wollen morgen frühstücken.“