Dichtbert im Baumarkt. Eine Schraube, eine einzige Schraube, rein, raus, fertig. Genau das murmelte Stefan, während sich die automatischen Türen des Baumarkts vor ihm öffneten wie das Tor zu einer fremden Galaxie. Der Samstagmorgen war jung. Es roch nach frisch gesägtem Holz, Gummi, Farbeimerdeckeln und diesen seltsamen, hoffnungsvollen Dingen, die nur Baumärkte ausstrahlen.

Überall schoben Menschen Wagen voller Bretter, Pflanzen und Werkzeugkoffer durch die Gänge, als hätten sie wichtige Missionen. Stefan hatte keine Mission. Stefan hatte kein Hobby. Stefan hatte eigentlich nicht einmal etwas zu reparieren. Er brauchte nur eine Schraube, eine einzige. Doch Stefan besaß eine Eigenschaft, die ihm regelmäßig das Leben schwer machte: Er fragte niemals nach dem Weg – nicht im Urlaub, nicht im Krankenhaus, nicht einmal im Supermarkt und ganz sicher nicht im Baumarkt.

„Wie schwer kann eine Schraube schon zu finden sein?“, brummte er und marschierte los. 20 Minuten später stand er zwischen Duschköpfen. Weitere zehn Minuten später betrachtete er verwirrt eine Ausstellung von Toilettensitzen. Noch einmal fünf Minuten später befand er sich mitten in der Sanitärabteilung und hatte nicht die geringste Ahnung, wie er dort gelandet war.

Oben auf einem Hochregal zwischen Kartons voller Kupplungen und Ventile baumelten zwei winzige Beine. Dort saß Dichtbert, ein Magikito-Kobold aus Taramundi. Seine Weste bestand aus zusammengenähten Etiketten alter Wasserrohre, seine Mütze war aus einem umgedrehten Sieb gefertigt und sein Gürtel hing Dichtungsringe wie kleine schwarze Donuts. Dichtbert liebte Baumärkte. Nirgendwo sonst konnte man so viele Menschen beobachten, die gleichzeitig völlig überzeugt und völlig verloren wirkten.

Als Stefan unten vorbeistapfte, traf ihn dessen Gefühl wie ein warmer Luftzug. Nicht Traurigkeit, nicht Wut, etwas anderes. Eine hartnäckige Einsamkeit. Die Sorte, die entsteht, wenn jemand so lange alles allein machen will, dass er irgendwann vergessen hat, wie schön Hilfe sein kann.

„Oh“, murmelte Dichtbert und jonglierte nachdenklich mit drei Dichtungsringen. „Das müssen wir reparieren.“ Dann begann er zu grinsen, und wenn ein Kobold so grinst, sollte man besser auf die Wasserleitungen achten.

Stefan entdeckte inzwischen ein großes Messingrohr. Daneben hing ein Schild. „Nicht betätigen.“ Stefan kniff die Augen zusammen. „Warum schreibt man sowas überhaupt hin?“ Er griff danach. Oben auf dem Regal kicherte Dichtbert. „Drei, zwei, eins, klack.“ Eine Wasserfontäne schoss quer durch die Sanitärabteilung. Ein glitzernder Strahl raste durch die Luft und traf eine Ausstellung von Gartenschläuchen. Ein Kind jubelte. Eine ältere Dame applaudierte. Ein Verkäufer verschluckte sich fast an seinem Kaffee.

Und Stefan? Stefan stand mitten im Chaos. Nass, fassungslos. „Nein!“ Er sprang zum Rohr. Das Wasser schoss weiter. Er drückte mit beiden Händen dagegen. Nutzlos. Es tropfte ein Putzlappen hinein. Plopp. Der Lappen flog quer durch die Abteilung. „Das kann doch nicht wahr sein!“ Verzweifelt griff er nach einer Packung Kabelbinder. „Das funktioniert bestimmt.“ Es funktionierte nicht. Überhaupt nicht. Innerhalb von Sekunden hatte er sich selbst, das Rohr und ein Einkaufswagen miteinander verbunden. Die Zuschauer wurden immer mehr. Ein paar Kunden zückten bereits ihre Handys. Dichtbert lag inzwischen vor Lachen auf seinem Karton.

Doch dann wurde es ernst. Denn genau jetzt war der richtige Moment. Mit einem kleinen Satz sprang er über die Regale. Flitsch. Plopp. Zack. Unsichtbar landete er auf einem Ausstellungswaschbecken. Aus seiner Tasche zog er einen winzigen silbernen Dichtungsring. Keinen gewöhnlichen. Einen Zuhörring. Die liebste Erfindung seiner Werkstatt in Taramundi. Er schnippte ihn durch die Luft. Ping! Der Ring landete direkt auf dem Rohr.

Plötzlich geschah etwas Seltsames. Das Wasser hörte auf zu spritzen. Nicht ganz, aber genug. Genug für eine Stimme. „Brauchen Sie Hilfe?“ Stefan blickte auf. Vor ihm stand ein Mitarbeiter namens Lukas. Ein junger Mann mit Arbeitshandschuhen und einem freundlichen Lächeln. Normalerweise hätte Stefan sofort gesagt: „Nein, danke.“ Doch der magische Ring machte etwas Wunderbares. Er ließ Menschen für einen Moment hören, was sie wirklich fühlten. Und Stefan hörte sich selbst denken. „Ich habe keine Ahnung, was ich hier tue.“ Zum ersten Mal seit Jahren sagte er die Wahrheit.

„Ja.“ Lukas grinste. „Gut, sonst hätte ich mir Sorgen gemacht.“ Gemeinsam drehten sie zwei Ventile zu. Ein dritter Mitarbeiter kam dazu. Dann eine Kundin. Dann ein älterer Herr, der früher Installateur gewesen war. Innerhalb weniger Minuten arbeiteten fünf völlig fremde Menschen zusammen. Das Leck war verschwunden. Das Wasser stoppte. Die Sanitärabteilung atmete auf.

Und etwas anderes geschah ebenfalls. Niemand ging weg. Stattdessen kamen sie ins Gespräch. Über Renovierungen, über kaputte Waschmaschinen, über misslungene Heimwerkerprojekte, über Hobbys. „Und was machen Sie so?“, fragte Lukas schließlich. Stefan wollte automatisch antworten: „Nichts Besonderes.“ Doch dann blieb sein Blick an einer Werkbankausstellung hängen. An einem Regal voller Holzbausätze. An einem Kursplakat für Heimwerkeranfänger. Und zum ersten Mal fiel ihm auf, dass all diese Menschen hier nicht nur Sachen kauften. Sie bauten, lernten, probierten aus.

„Eigentlich“, sagte er langsam, „weiß ich gar nicht, was mein Hobby ist.“ „Dann haben Sie heute eins gefunden“, lachte der alte Installateur. „Wasserrohre sprengen.“ Die ganze Gruppe brach in Gelächter aus. Sogar Stefan. Besonders Stefan.

Oben auf dem Hochregal saß Dichtbert wieder zwischen seinen Kartons. Neben ihm lag eine kleine Feldmaus, sein Animagikito-Gefährte Nupsi, die begeistert an einem Dichtungsring knabberte. Unten tauschten die Menschen Telefonnummern aus. Jemand lud Stefan zu seinem Heimwerkerkurs ein. Jemand anders auf einen Kaffee. Und der Mann, der nur eine einzige Schraube hatte kaufen wollen, verließ den Baumarkt zwei Stunden später mit einem Werkzeugkoffer, einer Anmeldung für einen Kurs und drei neuen Bekanntschaften. Die Schraube hatte er übrigens vergessen.

Dichtbert lächelte zufrieden, steckte seinen letzten Dichtungsring ein und verschwand zwischen den Kartons. Denn manchmal führte der kürzeste Weg zu einer Schraube genau dorthin, wo man endlich nicht mehr alles alleine festziehen muss.

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