Sanella im Seniorenheim. „Nein!“ Der Schrei von Herrn Schröder schnitt durch den Speisesaal des Seniorenheims wie eine quietschende Geige. Seine dreistöckige Sahnetorte hing für einen schrecklichen Augenblick schräg in der Luft. Erdbeeren lösten sich. Eine Marzipanrose machte einen letzten eleganten Salto. Dann geschah es. Flatsch.
Die gesamte Torte landete exakt auf dem Kopf von Heimleiterin Frau Berger. Nicht daneben, nicht vor ihr, auf ihr. Die strenge Heimleiterin stand mitten auf der Bühne und hielt gerade ihre Rede über Brandschutzvorschriften und die korrekte Lagerung von Servietten. Nun trug sie stattdessen drei Etagen Biskuit, zwei Kilo Sahne und eine einsame Erdbeere auf der Nasenspitze.
Im Saal wurde es so still, dass man das Summen der Kühlschränke hören konnte. Herr Schröder wurde blass. Er hatte drei Tage an dieser Torte gearbeitet. Drei Tage. „Das tut mir furchtbar leid“, stammelte er. Niemand lachte. Nicht einmal die Senioren, die sonst über alles lachten. Denn jeder wusste, Frau Berger verstand ungefähr so viel Spaß wie ein Parkschild.
Hinter einem Stapel Getränkekisten allerdings begann jemand zu grinsen. Es war Sanella, eine Koboldin aus der Familie der Magikitos. Sie war kaum größer als ein Lineal und trug einen Rock aus zusammengeknodeten Tortenspitzen sowie Stiefel aus alten Flaschendeckeln. Auf ihrem Kopf saß eine schiefe Mütze aus Backpapier.
Sanella spürte Gefühle so deutlich wie andere Menschen einen Windstoß. Und gerade jetzt schwappte ihr eine ganze Welle entgegen: Scham von Herrn Schröder, Angst von den Senioren und irgendwo tief darunter etwas viel Traurigeres. Seit Monaten hatte im Heim niemand mehr richtig ausgelassen gelacht. Die Feste waren ordentlich, die Dekoration hübsch, aber die Freude wirkte, als hätte man sie in einem Aktenschrank gesperrt.
Sanella verschränkte die Arme. „Das“, murmelte sie, „ist die verschwenderischste Verschwendung von Sahne, die ich je gesehen habe.“ Dann lächelte sie. „Das lässt sich reparieren.“ Sie zog aus ihrer Tasche einen winzigen Schneebesen aus verbogenen Büroklammern.
Einmal gerührt, noch einmal, und plötzlich begann die Sahne auf Frau Bergers Kopf zu zittern. Nicht viel, nur ein kleines Wackeln. Dann noch eins. Plopp, eine Sahnekugel löste sich. Sie flog quer durch den Raum, direkt auf die Schulter von Herrn Kahl. Flatsch.
Herr Kahl blinzelte. Die Sahne rutschte langsam seine Jacke hinunter. Der ganze Saal hielt den Atem an. Dann grinste Herr Kahl. Er nahm einen Klecks von seiner Schulter und schnippte ihn zurück. Flupp, Treffer, mitten auf Frau Meiers Hut. „Kahl!“, rief sie empört. Eine Sekunde später warf sie eine Erdbeere daneben.
Aber das spielte keine Rolle, denn jetzt geschah etwas Wunderbares. Die Sahne begann zu hüpfen. Über Tische, über Stühle, von Küchenteller zu Küchenteller. Sanella wirbelte ihren kleinen Schneebesen durch die Luft. „Zwirbel, zapp, plopp, plopp, flitsch.“ Überall entstanden kleine Sahnewolken.
Herr Kahl bekam einen Klecks ins Ohr, Frau Meier einen auf die Brille. Jemand setzte einem Gartenzwerg aus der Dekoration eine komplette Sahnefrisur auf. Innerhalb von zwei Minuten herrschte das köstlichste Chaos des ganzen Jahres. Und dann passierte etwas, womit niemand gerechnet hatte. Frau Berger begann zu lachen.
Zuerst nur ein Schnauben, dann ein Kichern. Dann so laut, dass die restliche Torte vom Kopf rutschte. Die Senioren starrten sie an. Frau Berger lachte? „Wissen Sie was?“, japste sie. „Ich habe seit meinem fünften Lebensjahr keine Torte mehr ins Gesicht bekommen.“ Herr Schröder blinzelte. „Wirklich?“
„Damals war es mein Bruder.“ – „Und?“ – „Ich habe ihn drei Tage lang gejagt.“ Der ganze Saal brach in Gelächter aus. Selbst Herr Schröder. Besonders Herr Schröder. Die Scham fiel von ihm ab wie Puderzucker von einem Kuchen.
Jemand brachte neue Schüsseln mit Sahne. Jemand anderes Erdbeeren. Ein Dritter begann, aus Servietten Katapulte zu bauen. Innerhalb weniger Minuten fand die erste offizielle Seniorenheim-Sahne-Olympiade statt. Die Rollstuhlfahrer bildeten Mannschaften. Die Pfleger feuerten an. Sogar die Küchencrew machte mit.
Der Speisesaal verwandelte sich in ein Fest voller Lachen, Kleckse und roter Erdbeernasen. Und mitten im Trubel stand Herr Schröder. Seine berühmte Torte war verschwunden. Vollständig zerstört. Aber zum ersten Mal seit Jahren kümmerte ihn das überhaupt nicht. Denn noch nie hatte eine seiner Torten so viele Menschen glücklich gemacht.
Später, als die Sonne golden durch die Fenster fiel und alles geschniegelt, geschniegelt, na ja, zumindest grob gesäubert war, saßen die Bewohner zusammen und erzählten Geschichten aus ihrer Jugend. Einer nach dem anderen. Laut, lebendig, mit glänzenden Augen.
Hinter den Getränkekisten beobachtete Sanella das alles zufrieden. Ihr Schneebesen steckte wieder in der Tasche. Auf ihrer Mütze saß ein einzelner Sahnefleck wie eine Trophäe. „Guter Unfall“, flüsterte sie. Dann schlüpfte sie durch einen Fensterspalt hinaus in den Abend.
Niemand bemerkte ihr Verschwinden. Nur Frau Berger fand später auf ihrem Schreibtisch einen winzigen Abdruck aus Sahne in Form eines lachenden Gesichts. Und manchmal braucht das größte Fest nicht die perfekte Torte, sondern den Mut, über ihren Absturz zu lachen.