Wirbelinde in der Yogastunde. Das Geräusch hatte in einem Raum voller Erleuchtung ungefähr dieselbe Wirkung wie ein Traktor in einer Porzellanhandlung.
Zwölf Menschen saßen auf ihren Yogamatten und hatten gerade die Augen geschlossen. Durch die hohen Fenster fiel milchiges Nachmittagslicht. Es roch nach Sandelholz, Lavendel und einer Spur Zitronengras. Die Zimmerpalme in der Ecke bewegte kein Blatt. Selbst die Uhr an der Wand schien aus Respekt leiser zu ticken. Dann kam noch einmal. Alle Augen öffneten sich gleichzeitig.
In der Mitte des Raumes stand Claudia – oder besser gesagt, sie hing. Die Geschäftsfrau hatte sich für diesen Kurs angemeldet, nachdem ihr Kalender angefangen hatte, sie morgens mit drei verschiedenen Alarmtönen gleichzeitig anzuschreien. Seit Monaten hetzte sie von Besprechung zu Besprechung, beantwortete E-Mails beim Zähneputzen und telefonierte sogar beim Warten auf den Aufzug. Nun hatte sie sich geschworen, endlich zur Ruhe zu kommen.
Das Problem war nur: Ihre Hüfte hatte andere Pläne. Bei einer besonders anspruchsvollen Haltung namens der sterbende Schwan war irgendetwas eingerastet oder ausgerastet oder beides. Jetzt stand sie verdreht wie ein zusammengefalteter Klappstuhl. Die Yoga-Lehrerin Miriam sprach normalerweise mit einer Stimme, die selbst Gewitterwolken beruhigen konnte. „Atme einfach hinein“, flüsterte sie. Claudia versuchte es.
Krrtsch, honk. Mehrere Teilnehmer zuckten zusammen. Ganz oben im Blatttopf der Zimmerpalme saß jemand, der sich beinahe an einem Palmenfaden verschluckte. Es war Wirbelinde, eine Magikita-Fee aus Taramundi. Sie trug einen Regenmantel aus durchsichtigen Bonbon-Verpackungen, die bei jeder Bewegung schimmerten wie kleine Regenbogen. Ihre Krone bestand aus verbogenen Büroklammern, die sie irgendwo in einem Großraumbüro gesammelt hatte. Um ihre Taille hing ein Gürtel aus alten Teebeutel-Etiketten, und sie spürte Gefühle so deutlich wie andere Menschen Musik.
Im ganzen Raum lag Anspannung, nicht nur bei Claudia. Alle hier wirkten, als würden sie versuchen, perfekt zu meditieren, perfekt zu atmen, perfekt entspannt zu sein, was ungefähr so sinnvoll war wie ein Wettrennen im Schlafen. „Oh je“, murmelte Wirbelinde und schüttelte den Kopf. „Die haben sich sogar beim Loslassen verkrampft.“ Neben ihr saß ihr Animagikito, eine kleine Elster namens Funkelix. Die Elster liebte alles, was glänzte. Gerade betrachtete sie interessiert die polierten Wasserflaschen der Teilnehmer.
„Zeit für etwas Luft zwischen den Rippen“, sagte Wirbelinde. Funkelix nickte mit dem Schnabel. Die Fee sprang vom Palmenblatt. Lautlos segelte sie durch den Raum. Dann zog sie aus ihrer Manteltasche etwas hervor. Nicht Feenstaub, nicht Zauberpulver, sondern die winzigen unsichtbaren Fäden, aus denen peinliche Momente gemacht werden. Wirbelinde sammelte diese Fäden seit Jahren. Sie wusste nämlich etwas, das viele Menschen vergessen hatten: Peinlichkeit und Lachen stammen aus demselben Stoff.
Man muss sie nur richtig verknoten. Mit flinken Fingern band sie die Fäden an die Klangschalen, die am Fenster standen. Pling, plong, plong. Sofort begann etwas Seltsames. Jedes Mal, wenn jemand versuchte, besonders würdevoll auszusehen, antwortete die nächste Klangschale mit einem Ton, der verdächtig nach einem Alltagsgeräusch klang. Ein Pling wie eine Mikrowelle. Ein Plong wie ein Supermarktscanner. Ein Plung wie eine quietschende Badeente.
Niemand verstand, warum. Alle versuchten weiterhin, ernst zu bleiben, was die Sache nur schlimmer machte. Claudia kämpfte inzwischen verzweifelt mit ihrer Hüfte. „Ganz locker“, flüsterte Miriam. „Ich bin locker“, ätzte Claudia. Eine Klangschale antwortete sofort. Eine zweite. Eine dritte machte exakt das Geräusch eines Druckers, der Papierstau hat.
Das war der Moment. Ein junger Mann in der hinteren Reihe prustete. Nur ganz kurz. Dann hielt er sich erschrocken den Mund zu. Doch sein Nachbar hatte es bereits gehört. Der fing ebenfalls an zu grinsen. Dann die ältere Dame daneben. Dann Miriam. Dann alle. Innerhalb weniger Sekunden schwappte das Lachen durch den Raum wie eine warme Welle. Nicht ausgelacht, mitgelacht. Der Unterschied war riesig.
Claudia versuchte noch tapfer, ihre Würde festzuhalten. Aber als eine Klangschale plötzlich exakt den Ton ihres Büroscanners imitierte, brach auch sie zusammen. Vor Lachen. Und genau in diesem Moment machte ihre Hüfte klack. Sie war frei. Claudia blinzelte, stand gerade, bewegte sich vorsichtig. Nichts klemmte mehr. „Das gibt's doch nicht.“ Dann lachte sie erneut. Und dieses Mal lachten alle mit.
Nicht dieses höfliche Wellness-Lächeln, sondern echtes, herzhaftes, befreiendes Gelächter, das einem die Schultern lockert und die Stirn glatt zieht. Die Stunde verlief danach völlig anders. Niemand versuchte mehr, die perfekte Pose zu halten. Man wackelte, kippte um, fing sich gegenseitig auf, machte Fehler und hatte überraschend viel Spaß. Selbst die Meditation am Ende fühlte sich leichter an. Fast so, als hätte jemand ein Fenster geöffnet.
Hoch oben in der Zimmerpalme beobachteten Wirbelinde und Funkelix die Szene. Die Elster hatte inzwischen einen verlorenen Ohrring gefunden und war äußerst zufrieden mit sich. „Besser“, sagte die Fee. „Viel besser.“ Sie rückte ihre Büroklammerkrone zurecht und verschwand zwischen den Blättern, bevor jemand sie entdecken konnte.
Und während unten zwölf Menschen zum ersten Mal seit langem wirklich entspannt aus einem Yogastudio gingen, raschelte die Zimmerpalme ganz leise im Abendlicht. Denn manchmal ist das Schwerste am Loslassen nicht die Hüfte, sondern die Vorstellung, alles im Griff haben zu müssen.