Welches Genie hat ein schön weiches T-Shirt angefasst und gedacht, da müsste noch so ein kratzendes Scheißding rein? Da muss man erst mal drauf kommen. Der Stoff streichelt dich. Das Etikett schmirgelt dir den Nacken ab. Und du zuckst ständig mit der Schulter, während du versuchst, ein normales Gespräch zu führen.
Wir nennen den Schuldigen beim Namen. Etiketten innen in der Kleidung sind für uns Magikitos der Feind Nummer eins. In Unterhosen, T-Shirts, Hosen und Mänteln. Kein einziger Hintern bleibt verschont. Du ziehst dich schön warm an und jede Schicht bringt ihren eigenen Mistkerl mit.
Das Ding im Nacken piekst genau da, wo du nicht hinkommst. Das an der Seite wartet, bis du dich hinsetzt. Und das in der Unterhose trifft so präzise, da könnte mancher Dartspieler neidisch werden. Du grüßt die Nachbarin ganz höflich und verfluchst im Stillen die gesamte Verwandtschaft des Herstellers.
Manche kann man auch noch auseinanderfalten. Du ziehst an einem Zipfel und es kommt immer mehr. Eine Seite, noch eine, noch eine. Ist das eine Hose oder habt ihr mir den Kaufvertrag für einen Bauernhof reingenäht? Meine Oberschenkel sind ziemlich dicht beieinander. Da passt keine Bibliothek dazwischen.
„Fermín, bist du mit dem Etikett endlich fertig?“
„Warte. Hinten geht's noch weiter.“
Keiner von uns wacht morgens auf und hat Lust, die Anleitung seiner Unterhose zu lesen. Ja, wir wissen, da steht, wie man sie wäscht. Dann schreibt das verdammt noch mal irgendwohin, wo es nicht kratzt. Wir wollen durch den Wald laufen und nicht mit einer Hand in der Hose Fremdsprachen lernen.
Einfach grob abschneiden hilft auch nicht. Neben der Naht bleibt dieser steife kleine Zipfel und kratzt jetzt noch mehr. Vorher hat ein Etikett genervt. Jetzt nervt ein halbes und du hast auch noch umsonst gearbeitet. Da möchte man nackt losziehen. Soll sich doch der anziehen, der den Mist erfunden hat.
Die gute Schere, bitte
Deshalb haben wir eine besondere Nähschere. Klein, scharf, mit goldenen Griffen. Die liegt in einem Stoffetui. Niemand öffnet damit Pakete, schneidet Pappe oder stutzt sich den Pony. Mit dieser Schere kommen Etiketten raus. Manche Dinge sind in diesem Haus heilig.
Wir breiten die Kleidung auf dem Tisch aus und heben das Etikett vom Stoff ab. Einer hält es fest, ein anderer löst vorsichtig die Fädchen, an denen es hängt. Ohne die Naht des Kleidungsstücks zu zerlegen. Wir wollen es bequem haben und nicht plötzlich mit einer raushängenden Titte dastehen.
„Na los, raus mit dir, du kleines Arschloch. Schluss mit dem Gekratze.“

Ist das letzte Etikett ab, ziehen wir das T-Shirt an und bewegen langsam die Schultern. Nichts piekst. Nichts scheuert. Verdammt, tut das gut. Fermín läuft mit erhobenen Armen durch den Flur. Wir lassen ihn feiern. Jeder freut sich über was anderes.
Dann sammeln wir die Etiketten und verbrennen sie im Kamin der Werkstatt. Wir sitzen davor und sehen ihnen zufrieden beim Verschwinden zu. Mit den festhängenden Flaschendeckeln haben wir noch ein Hühnchen zu rupfen. Aber an diesem Nachmittag würde uns kein Stofffetzen mehr auf den Sack gehen.
Bis wir die Schere wegpacken wollten.
Fermín steckte einen Finger ins Etui, verzog das Gesicht und zog ein eingenähtes Etikett heraus.
„Und das hier?“
Wir starrten es an. Das Etui für die Schere zum Etikettenentfernen hatte ein verdammtes Etikett.
„Fermín, lass das Feuer noch brennen.“