Der reichste Kobold im Wald (und er ist blank)

Wir kennen einen Kobold, der ist ohne jede Diskussion der reichste im ganzen Wald. Und er ist blank, völlig blank, keinen Knopf in der Tasche. Wenn du seine Jacke durchsuchst, findest du zwei Kastanien, einen Stein, der ihm im März mal gefiel, und einen Wollfaden, den er einfach so aufhebt. Trotzdem gibt es im Umkreis von hundert Meilen keine glücklichere Kreatur. Er besitzt das Einzige, das in keinem Laden der Welt zu kaufen ist: einen ganzen Nachmittag vor sich und nicht eine einzige Eile, die ihm im Nacken sitzt.

Dir hat man eine andere Geschichte verkauft. Dass Reichtum ein Stapel ist, der wächst, eine Zahl mit ganz vielen Nullen, ein größeres Haus mit Zimmern, die nie jemand betritt. Und schon bist du losgerannt, hinter diesem Stapel her, wie jemand, der mittags seinem eigenen Schatten nachjagt. Je schneller du gehst, desto weiter stellt er sich weg. Du arbeitest, um Dinge zu kaufen, du lagerst die Dinge an Orten, und du zahlst für die Orte, an denen du die Dinge lagerst. Das Rad dreht sich, du schwitzt, und der Käse am Ende taucht nie auf.

Mal ehrlich, wir wollen das Geld hier nicht zum Bösewicht machen. Geld ist wunderbar für eine warme Mahlzeit, ein Dach über dem Kopf und einen Blick in die Zukunft ohne Knoten im Bauch. Nur hat irgendwo unterwegs jemand die Etiketten vertauscht, und ganz viele Leute behandeln seitdem das Mittel, als wäre es das Ziel. Sie haben das teure Ticket gekauft und vergessen, an der schönen Station auszusteigen.

Was ist der größte Reichtum überhaupt?

Der größte Reichtum ist Seelenfrieden: in der Sonne sitzen können, ohne dass der Kopf irgendetwas verlangt, durchschlafen und laut lachen, ohne auf die Uhr zu schauen. Geld macht ihn nicht. Genug zu haben und zu wissen, dass es genug ist, das macht ihn. Darum kann der reichste Kobold im Wald blank sein und trotzdem schlafen wie ein Stein.

Denn hier kommt das Geheimnis, das wir Kobolde seit Jahrhunderten unter dem Pilz hüten: Wir haben auch eine Wirtschaft. Nur ist unsere Währung nicht das Gold, sondern der Nachmittag. Wir sparen Sonnenuntergänge, wir investieren in lange Tischrunden, und die einzige Pleite, vor der uns graut, ist der Tag ohne Ruhe.

Und wie jede anständige Wirtschaft hat auch unsere ihre berühmten Pleitegeier. Ihre Geizhälse. Ihre Armen mit voller Speisekammer. Lass uns von zweien erzählen, denn aus fremden Stolperern lernt man eine Menge, ganz ohne Eintritt zu zahlen.

Die Kobolde, die an Gier pleitegingen

Heller, der die Pilze gegen Münzen tauschte

Es gab einen Kobold, Heller hieß er, der fand eines Morgens eine Goldmünze zwischen den Wurzeln einer Eiche. Das Funkeln gefiel ihm so sehr, dass er schwor, noch eine zu bekommen. Und dann noch eine. Er suchte keine Pilze mehr, sondern Münzen, er streifte nicht mehr durch den Wald, sondern bewachte ihn. Er grub einen Keller für den Schatz und, als der voll war, einen tieferen Keller unter dem Keller. Er starb uralt, mit der vollsten Kammer im Landkreis und dem leersten Lächeln. Niemand dort konnte sich erinnern, ihn je lachen gehört zu haben. Er wurde steinreich an dem, was man zählt, und bettelarm an dem, was man lebt.

Bommel und ihr ewiges bisschen mehr

Bommel hatte ein wunderschönes Pilzhaus, warm und gemütlich, die Wurzeln ins Ufer eines Bachs gesteckt. Sie hatte Platz für drei übrig und keinen einzigen Grund zu klagen. Doch eines Tages sah sie den Pilz nebenan, eine Spur höher, und die Zufriedenheit war dahin. Sie wollte einen größeren. Sie bekam ihn, und gegenüber stand ein besserer. Ihr Leben lang zog sie nach oben und jagte dem ewigen bisschen mehr hinterher, und sie hängte nie ein Bild auf, denn wozu, bald stand ja der nächste Umzug an. Sie starb im größten Pilz des Tals, ohne sich in einem einzigen je wohlgefühlt zu haben. Sie häufte viel Haus an und kein Gramm Zuhause.

Heller und Bommel machten denselben Fehler, zufällig den teuersten der Welt: Sie verwechselten Anhäufen mit Leben. Denn das ewige bisschen mehr ist ein bodenloses Loch mit einem richtig guten Marketingteam. Wie viel Gold du auch hineinwirfst, es klingt immer hohl.

Das KontoDie Gold-WirtschaftDie Ruhe-Wirtschaft
Die WährungJe mehr, desto besserGenug ist reichlich
Beim AusgebenDu hast wenigerDu hast mehr, die anderen auch
Wie viel reichtImmer ein bisschen mehrGenau das, was schon da ist
Am reichsten istWer am meisten hortetWer am wenigsten braucht

Schau dir die zweite Zeile genau an, denn da steckt der ganze Zauber. In der Gold-Wirtschaft verlierst du, was du teilst: Teile ich meine Münze in zwei, bleibt mir die Hälfte. Die Ruhe läuft genau andersherum, wie diese Brote aus den alten Geschichten, die größer werden, je mehr man sie verteilt.

Ruhe ist das einzige Vermögen, das wächst, wenn man es verschenkt.

Trink einen Kaffee mit einem Kumpel, und dir bleibt nicht die halbe Ruhe, sondern euch beiden der ganze Nachmittag. Zeig jemandem einen Sonnenuntergang, und der Sonnenuntergang schrumpft nicht, er verdoppelt sich. Diese Zeit mit deinen Leuten lässt sich in nichts messen und bezahlt alles. Und sobald du lernst, das Genug zu behalten und den Rest loszulassen, merkst du, dass du die ganze Zeit reich warst und dir bloß die Taschen abgeklopft hast.

Das Vermögen, das nirgends notiert ist

Dieses Vermögen liegt an lächerlich billigen Orten, fast immer kostenlos. Im ersten Schluck eines Kaffees, der noch zu heiß ist, die Hände um die Tasse gelegt. In einem Spaziergang ohne Ziel, der dir eine Aussicht schenkt, die du noch nie gesehen hast. In einem Nickerchen in der Sonne, das niemandem Rechenschaft schuldet. Im haltlosen Lachen mit den Menschen, die du liebst, dem, das am Ende in den Wangen wehtut.

  • Die Sonne im Gesicht an einem dieser Morgen, die nichts zurückverlangen.
  • Ein langsamer Kaffee, ohne Handy auf dem Tisch, das dir schöne Augen macht.
  • Gehen und gehen, bis die Landschaft ganz neu wird und im Kopf Ruhe einkehrt.
  • Die endlose Tischrunde, die Freunde, das Lachen, das nie auf die Uhr schaut.
  • Dein Zuhause in Ruhe, wenn alles an seinem Platz ist, und du auch.

Kein einziger dieser Goldbarren geht über die Kasse. Durch den Wald gehen, bis es dich innen durchpustet, kostet keinen Cent und bringt mehr als die halbe Apotheke. Und die feine Kunst, absolut gar nichts zu tun, ist, das schwören wir dir, eine der lohnendsten Investitionen überhaupt. Sie schüttet eben keine Dividende in Gold aus. Sie schüttet sie in Sonntagen aus.

Die Inventur des Kobolds: heute Abend, bevor du einschläfst, zähl dein echtes Vermögen. Nicht den Kontostand. Wie oft du heute gelacht hast, wie lange du zufrieden warst, ohne woanders sein zu wollen, wie viele Menschen dich umsonst gernhaben. Das ist dein wahres Vermögen, und fast niemand prüft es je.

Heißt das, Geld spielt keine Rolle?

Überhaupt nicht. Geld spielt eine Rolle für eine warme Mahlzeit, ein Dach über dem Kopf und ein Leben ohne die Angst im Körper, und das ist heilig. Was Geld nicht kauft, ist die Ruhe. Der Fehler war nie, Geld zu haben. Der Fehler war, das Mittel mit dem Ziel zu verwechseln und anzuhäufen und anzuhäufen und dabei zu vergessen, wofür man eigentlich anhäufte.

Jetzt weißt du also, warum der reichste Kobold im Wald keinen Cent hat. Es ist nicht so, dass ihm das Gold fehlt. Er hat bloß vor vielen Nachmittagen aufgehört, es mit dem Glück zu verwechseln, und seitdem lebt er locker-flockig wie ein Fürst, ohne die Hypothek eines Fürsten zu zahlen. Er sitzt genau jetzt da, das Gesicht in der Sonne und ein albernes Halblächeln, und zählt das einzige Vermögen, das ihm nie entwischen wird. Er hat dir einen Platz neben sich freigehalten. Der ist umsonst. Du musst dich nur hinsetzen.

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